Himmelstöne

2008 
Malerei
Fotos: Ruedi Scheiber 

Wir stehen hier im Grunde in einem Labor. Reto Scheibers Vorgehen erinnert mich an die Arbeitsweise eines Wissenschaftlers: er fixiert einen Ausschnitt des Himmels – ein vermessenes Unterfangen im wahren Sinne des Wortes – und extrahiert einen Einzelaspekt aus einem gigantischen Gebilde, um diesem auf die Spur zu kommen. Er mischt mit Farbe und Pinsel seine entsprechende Farbwahrnehmung eines kleinen Punktes nach. Möglichst objektiv, ohne eine persönliche Interpretation zuzulassen (er könnte auch einen gigantisches Zoomobjektiv verwenden). Danach vergrössert er die gefundene Farbe, auf perfekt gemalten, nüchternen Tafeln wie das etwa ein Mikroskop tun würde. Es handelt sich hier also gewissermassen um Präparate unter Glas. Diese kommen nun ins Labor, nämlich in den neutralen, weiss gestrichenen und konstant gleichmässig ausgeleuchteten Galerieraum. Die Umgebung verfälscht die Tafeln also so wenig wie möglich (ausser dass die Galerie Kraft ihrer gesellschaftlich akzeptierten Natur die nüchternen Tafeln zu Kunst zu erklären vermag – aber das ist eine andere Geschichte). Hier hängen sie nun, bereitgestellt zu unserer genauen Untersuchung.

Reto Scheiber möchte die Himmelsfarben untersuchen. Natürlich ist das ein hoffnungsloses Unterfangen. Wer schon mal versucht hat die Form einer Wolke mit Bleistift nachzuzeichnen, weiss wie schnell sich diese verflüchtigt. Und man muss verdammt schnell mischen um noch etwas hinzukriegen. Die Farben im Himmel erscheinen jedoch nur als Lichtreflexionen, erzeugt durch sehr wechselhafte Lichtverhältnisse. Es gibt da keine Objekte mit ihren spezifischen Farbeigenschaften. Hier in der Galerie hingegen sehen wir sie mit Pigment und Bindemittel auf Holz aufgetragen. Im Himmel erscheinen die Farben nie isoliert, sondern die benachbarten Farben beeinflussen sich zwingendermassen permanent hinsichtlich unserer Wahrnehmung. Wir können sie also am Himmel nie in reiner Form wahrnehmen, wie das Retos Tafeln hier suggerieren - und für diesen Ort auch möglich machen. Das Scheitern ist in Retos Untersuchung also methodisch einprogrammiert. Und dies unterscheidet ihn definitiv von einem Wissenschafter. Und zum Glück scheitert er. Damit verfügt er über nutzlose „Präparate“ und über die Freiheit zu einem höchst unwissenschaftliches Spiel. Wie ein zweiter Wettermacher komponiert er nun wunderbare kleine abstrakte Himmelportraits aus seinen überflüssigen Farbpräparaten.

Andreas Widmer (Textauszug)

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